„Rund um Köln“ – eine Nachlese

 

Zwei Damen unseres Vereins haben mich ermuntert, einen „kleinen“ Erlebnisbericht zu schreiben. Eigentlich wollte ich das nicht, weil ich nicht als Selbstdarsteller gelten möchte. Aber dann haben sie es auf die Schiene „Mut machen!“ geschoben.
Also gut. Gehen wir mal zurück in die Zukunft. „RuK“ hatte ich schon vor meiner PSC-Zeit im WDR verfolgt. Der WDR beteiligte sich durch die Absetzung der Sendung an der Diskreditierung einer ganzen Sportart. In den 7 Jahren als PSC-Mitglied hörte ich hin und wieder von Mitgliedern, die sich ein „RuK“ gönnten. Das blieb weitgehend unter der Decke, weil wir ja Touristiker sind und Radrennen nicht unser Metier. Ein solches Mitglied regte sich mal fürchterlich auf, weil ihm bei uns keine Anerkennung für seine Teilnahme widerfuhr. Aber warum auch?

Besonders in den letzten Jahren häuften sich Horrormeldungen über unfähige Teilnehmer und schlimme Stürze. Als im vorigen Jahr eines unserer Mitglieder über so einen „Vollpfosten“ den Abflug machte und es die Radler-Schwachstelle Nr. 1, das Schlüsselbein, erwischte, erhärtete sich mein Vorsatz: „Da hast Du nichts verloren!“
Dann passierte folgendes: Ein paar Tage vor „RuK 2014“ ging ich gerade im Fitness-Studio von einem Gerät zum nächsten. Da kam Daniel, seit Jahren einer der Hauptstützen von Artur Tabat bei der Ruk-Organisation. Plötzlich hörte ich mich sagen: „Sag‘ mal Daniel, ist bei „Rund um Köln“ eigentlich Anmeldeschluss?“ Daniel: „Online ja, aber da geht noch was!“ Was er selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Ein Mitglied des Studios war erkrankt und suchte einen Abnehmer für seinen Startplatz. Na prima.
„Warum hast Du eigentlich so spontan reagiert?“ fragte ich mich auf dem Heimweg. Das muss im Unterbewusstsein schon lange geschlummert haben. Und war wohl jetzt hoch gekommen, weil ich mich in diesem Frühjahr gut wie selten gefühlt habe. Aber – jetzt kam wieder der Vorsichtige zum Vorschein. Bloß keinen Wind machen. Die Nachbarn haben es ja nur ein paar hundert Meter bis zum Kopfsteinpflaster am Schloß. Und wenn Du da abkackst hast Du den Salat! Also war das doch nicht so weit her mit dem Selbstbewusstsein. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Renate erfuhr das mal so nebenbei und fand das „gar nicht so schlimm“. Eigentlich, dachte ich mir, hast Du Dir einiges erspart. Womöglich ein wochenlanges daraufhin trainieren, das Grübeln, ob man genug gemacht hat oder zu viel und ob man das überhaupt schaffen würde usw. Dann fiel mir ein, dass ich vor und seit Malle diese Streckenlänge öfters trainiert hatte, und zwar auch ohne Pause. Weil alleine gegessener Kuchen nur halb so gut schmeckt. Also, doch nicht so schlechte Voraussetzungen…
Da fiel mir ein, dass ich die Strecke nur teilweise kannte. Also, am Donnerstag vor RuK, aufs Rad und zumindest die noch unbekannten Teile abfahren. Das ging ziemlich ins Höschen, weil ich mit meinem Garmin ohne Uli als Radflüsterer noch auf Kriegsfuß stehe und überhaupt die Zeit viel zu knapp war. Aber das Steilstück zum Hotel Bremer – das ging und das Kopfsteinpflaster am Schloss sowieso. Na denn.
Der Beschluss stand fest, am Ostermontag mit dem Rad zum Start zu fahren. 17 km sagte der Routenplaner. Ist doch gut zum Warmfahren. Aber wo ist der Harry-Blum-Platz? Nie gehört.
Also, Du bist ja doch etwas nervös, dann fahr‘ mal lieber die Strecke am Sonntag dorthin ab. Das war eine schlimme Ampelei, aber wenigstens kaum Verkehr.
Abends: Was ziehe ich an? Kurz muss reichen, aber etwas mehr darunter. Regenjäckchen? Unnötiger Ballast. Zwei Flaschen Wasser? Ist wohl übertrieben; also eine große und eine kleine. Riegel? O.k., einen und einfach mal 2 Tübchen. Die Riesen-Startnummer ans Trikot piddeln, zwei gummierte an den Helm kleben für die Fotoleute – fertig. Denke ich, aber was ist das? Ich lese die Startnummer bewusst. Das kann doch wohl nicht wahr sein – das ist ja exakt die PIN-Nummer für meine EC-Karte! Was bedeutet das? Klar doch – Glück natürlich.
Ostermontagmorgen – ja das ist auch mal schön, vor dem Radfahren nicht so früh raus zu müssen und gemütlich frühstücken zu können. Aber bis zum Start um 11.00 Uhr ist das schon verdaut. Der Bock steht gesattelt im Flur. Los geht’s so rechtzeitig, dass ich eine eventuelle Panne verdauen könnte.
Gleich nach der Deutzer Brücke fand im Dunstkreis des Schokoladenmuseums ein Flohmarkt statt. Nur einer der Gründe, weshalb der Start im nächsten Jahr erst im Juni stattfinden wird. Nur kurz danach der Harry-Blum-Platz im Schlagschatten des dritten Kranhauses. Der Platz gespickt mit den verschiedensten Ständen und Zelten. Ein Gewusel wie im Ameisenhaufen. Also, Aufstellung nehmen im abgetrennten Block A, der zugleich die VIP-Starter aufnimmt. Das sind Mannschaften und Einzelstarter der Sponsoren, die bevorzugt behandelt werden. Bis zum nächsten Block war noch viel Platz. Da stand ich nun wie falsch Geld, den Transponder um das Fußgelenk geklettet wie bei einem überwachten Sträfling.  Und es war noch fast 1/2 Stunde bis es los ging.
Aber sieh, den kennst Du doch… Lars, ein Ex-Mitglied von uns, im Kreise seiner VIP-Mannschaft.

 

Das komplette Gewusel im Startbereich einzufangen ist einfach unmöglich.
Zum weiteren Zeitvertreib kam ich mit zwei netten Zuschauerinnen ins Gespräch, von denen sich eine als Fotografin betätigte.

 

 

Schon mal was von rationeller Verpflegungsaufnahme gehört?

 

 

 

Erst am nächsten Tag schickte mir Barbara dieses tolle Foto und machte mir klar, was ich verpasst hatte, weil ich nicht mal die hinteren Startblocks  inspiziert hatte. Ich könnte mich heute noch sonst wohin beißen… (Blöder Spruch, käme man sowieso nicht hin.)

 

 

Um Punkt 11.00 Uhr der Start. Unser Block ging auf die Reise. In Abständen starteten die anderen Blocks, um ein Gedränge zu vermeiden. Die Zeit zählt natürlich erst für alle gleich an der Kontaktschwelle.
Es ging das Rheinufer entlang in Richtung Mülheimer Brücke. Vor mir eine Gruppe gemischter VIPler mit einheitlichem Trikot, aber offenbar wenig Raderfahrung. So’n schmales Hemd wie ich wuchtete gleich mit dem großen Blatt los, aber nicht sonderlich schnell. Soll ich die jetzt schon überholen? Wer weiß ob ich nochmal so eine Truppe erwische. Also mach‘ nicht gleich am Anfang den dicken Willi. Bis zum Scheitelpunkt der Brücke bleibste mal hier dran.
Genau dort kam der nächste Block angeschossen. Und plötzlich war die Straße voll von strampelten Leibern. Ich weg von meiner Schlafgruppe, aber jetzt hatte ich das umgekehrte Problem. Bei dem Schnitt würde ich verglühen wie  eine Sternschnuppe am Himmel. Außerdem – mit dem Windschattenfahren war es problematisch. Sich an so einen Flattermann zu hängen war mir zu riskant. Rechts bleiben, dass keiner dazwischen passt und ab und an mal eine Weile an ein ruhiges Hinterrad schien mir die richtige Taktik. Die Zeit ist ertmal schitegal – Hauptsache heil ankommen. Und Körner sparen, wer weiß wie es gegen Schluss aussieht? Mein Ziel, nicht Letzter zu werden, könnte klappen.
Ab und an werde ich von der Seite gemustert – weiß der Geier warum. Aber das kenne ich schon aus den Dolomiten. und der halbe Riegel wird schon mal geopfert, das eine Frühstücksbrötchen ist längst im Dünndarm versackt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Durch leichtes Gelände führt die Fahrt durch Kölner Vororte über nach Schildgen. Was mir auf der Abfahrt hinunter in Richtung Odenthal auffällt ist, dass alle die Beine hochnehmen. Da legen wir im Training die Scheibe auf. Oder brauchen die schon eine Erholung? Am Odenthaler Kreisel rechts ab, um gleich wieder links zu meinem Freund, dem Esel, in Bechen die erste Schwierigkeit zu nehmen. Jedoch nicht die RTF-Strecke durch das wunderschöne Scherfbachtal, sondern unten abzweigend die Kehren hinauf nach Scheuren und Neschen. Offenbar sind die Könner schon durch, denn ich kann auf dem Anstieg öfter mal den Überholer geben.
Mit ordentlichem Puls oben am Bechener Kreisel angekommen, ließ der heute ohnehin nicht sonderlich gut gelaunte Petrus die Sau raus. Eine ganze Reihe Leutchen hantierte am Straßenrand mit ihren Regenjacken. Ich dachte an meine zu Hause. Frage: Hättest Du die jetzt angezogen? Nein – unnötiger Zeitverlust. Gleich danach die Abfahrt nach Spitze – relativ steil. Es plästerte immer noch. Alles nahm die Beine hoch. Ich auch, aber irgendwas machte ich falsch. Ein großer Pulk fuhr rechts und ich wurde links auf dem freien Streifen immer schneller. Nur eine Sekunde dachte ich an Uli und seinen markanten Ausspruch, wonach Radfahren ein gefährlicher Sport sei. In meinem Hinterkopf war aber sofort noch ein anderer Spruch parat: „Et hätt noch immer joot jejange!“
Die Fott wurde nass und kalt. O.k., davon stirbt man nicht. In Spitze rechts und flott leicht bergab  in Richtung Gladbach. In Höhe der Papiermühle „Alte Dombach“ zweigt es links ab zum „Hotel Bremer“ hinauf. Das Steilstück ist keine 500 m lang, hat aber überwiegend geschätzte 20%. Ich wusste, dass ich da gut hochkommen würde. Das Problem war eher, dass dicht an dicht gefahren wurde. Diese Situation kommt in den Dolomiten immer mal vor. Also, nur nicht nervös werden. Kurz vor mir gab ein Riesenkerl auf, mittendrin und ein Verzäll beginnend mit einem Bekannten hinter der Absperrung. Ja toll, das ging gerade noch gut – Spezies gibt es. Oben im Flachen überquerte ein anderes Schwergewicht seinen Lenker, weil ihm die Bordsteinumrandung eines Baume im Wege war. Wer weiß was die Ursache war, jedenfalls hielt ich mich bedeckt, denn bei der Tour de France hatte ich das auch bei einem Profi gesehen.
Oben von Sand wieder hinab nach Lerbach, vorbei am 3-Sterne-Genusstempel von ehemals Dieter Müller, in Richtung der dritten Schwierigkeit, dem Kopfsteinpflaster hinauf zum Bensberger Schloss. Das fehlt ja auf keinem Foto von Rund um Köln, ob mit oder ohne Profis. Zugegeben, man muss schon drücken, aber von meinem Wohnzimmer-bestandteil weiß ich, dass ich da im Sitzen hochkomme. Und dann das:

 v o r h e r                                                                               n a c h h e r